MML Computer-Assisted Comprehension
Use of German (practice text)
Comprehension of German: Questions on the text
Annemarie Künzl-Snodgrass
Von Frust und Solidarzuschlag [1], Reisefreiheit und Rotkäppchensekt [2] - Ost und West ziehen eine durchwachsene Bilanz
Seit 1990 ist eine der am strengsten bewachten Grenzen der Welt nicht mehr da. Mit ihr verschwanden 800 Kilometer Grenzzaun, 400 Beobachtungstürme, 200 Kilometer Minenfelder und 40.000 Grenzsoldaten. Seit 1990 ist Deutschland nicht mehr geteilt, seit 1990 ist Deutschland wieder ein geeintes Land.
Die Bilanz der Deutschen Einheit fällt [3] aber immer noch durchwachsen [4] aus. Bisher mischten sich jedes Jahr am 3. Oktober, wenn an die Wiedervereinigung erinnert wird, unter die freudigen auch nachdenkliche und kritische Töne: Der Osten gilt als Dauer-Sorgenkind [5]. "Für viele Westdeutsche ist der Osten nur noch ein Klotz am Bein [6]", resümierte der ostdeutsche SPD-Bundestagsabgeordnete Markus Meckel.
Hohe Arbeitslosigkeit, die Einkommenskluft [7] zwischen Ost und West sowie eine schwächelnde Wirtschaft bezeichnen nur einige Probleme, die Jahr für Jahr neue Missstimmung aufkommen lassen. Viele Ostdeutsche fühlen sich mit ihren massiven Sorgen und Nöten von der Politik nicht ernst genommen. Mehrfach wurde auch während des Wahlkampfs von 2005 von ostdeutscher Seite moniert [8], keine Partei habe eine Strategie für die neuen Länder. Allzu sehr verlie?en [9] sich die gro?en Parteien auf ihre angestammten [10] Rezepte für mehr Wachstum und Arbeitsplätze, die auch - aber eben nicht ausschließlich - den neuen Ländern zu gute kommen würden. Im Grunde spielte der Osten im Wahlkampf nur an einer Stelle eine herausragende [11] Rolle: bei den Äußerungen des bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber über die "frustrierten" Ostdeutschen. Abseits solcher Schmähungen, die der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder als "ziemlich dummes Zeug" abtat [12], herrscht vor allem Ratlosigkeit.
Doch wieviel Gemeinsames ist zwischen Ost und West schon zu spüren? Stimmt es, wenn der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière die innere Einheit heute schon sehr viel weiter sieht als es in der öffentlichen Wahrnehmung [13] der Fall ist? Wieviel Wahrheit oder (Zweck-) Optimismus [14] in der Aussage des CDU-Politikers steckt, zeigen aktuelle Umfragen der Demoskopen. Laut einer solchen Umfrage stellte sich Ende August 2005 heraus, dass nur 37 Prozent der befragten Westdeutschen die Namen der fünf neuen Bundesländer [15] kennen. Dieses Ergebnis ist ganz bestimmt ein Armutszeugnis [16] für die Betroffenen, aber deshalb schon bedrohlich für die gesamtdeutsche Gefühlslage? Eine weitere Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zeugt da nämlich von ganz anderen Realitäten. So bewerten 84 Prozent der befragten Bundesbürger - 82 Prozent im Westen und 91 Prozent im Osten - die Wiedervereinigung als richtig und positiv.
Die Menschen in Ost und West haben sich seit 1990 immer besser kennen gelernt, immer mehr Missverständnisse wurden Stück für Stück aus dem Weg geräumt. Dazu trugen nicht zuletzt auch die Kultur sowie der Kult vieler DDR-Symbole bei. So unterschiedliche Charaktere wie beispielsweise Christa Wolf ('Der geteilte Himmel') [17] oder Leander Hau?mann ('Sonnenallee', 'NVA') [18] sorgen mit ihrem Engagement für ein besseres Sich-Verstehen auf beiden Seiten. Und was wäre die gesamtdeutsche Identität heute ohne Rotkäppchensekt, Ampelmännchen [19] und die Spreewaldgurken [20]?
Ostkult und Nostalgie sollen die wirtschaftlichen Probleme der fünf neuen Bundesländer und die persönlichen Sorgen der Ostdeutschen allerdings nicht unter den Tisch kehren [21]. Die neue Bundesregierung muss sich jenseits von Solidarpakt II [22] und neuen Förderstrategien noch etwas mehr einfallen lassen, um den neuen Ländern eine echte Perspektive zu geben. Die vielzitierte 'Mauer in den Köpfen' [23] der Deutschen scheint zu schrumpfen. Fallen muss sie noch.
Karin Geil (aus: DIE ZEIT)