MML Computer-Assisted Comprehension
Paper Ge B1 2006 (Diploma)
Use of German
Annemarie Künzl-Snodgrass
Die erste Universität für Gastronomische Wissenschaften
[1] Die Università di Scienze Gastronomiche (UNISG) [a] im italienischen Pollenzo ist ein weltweit einzigartiges Projekt: Auf dem Campus eines wunderbaren alten Herrenhauses im Herzen von Piedmont [b] dreht sich alles ums Essen. Ein dreijähriges Grundstudium umfasst Sinnesanalyse, Tierkunde, Geschichte der Landwirtschaft, Mikrobiologie und Hygiene, aber auch Wirtschaft und Informatik. Danach haben die Studierenden die Wahl, sich in einem der beiden Aufbaustudiengänge zu spezialisieren: entweder in Kommunikation und Marketing oder als Produzent und Händler von Lebensmitteln. Wie in Italien üblich, schließt das Studium mit der Verleihung des Doktortitels ab. Gut 500 Interessierte haben sich in diesem Jahr um begehrte 65 Studienplätze in Pollenzo beworben. Einen davon hat Richard Ebner bekommen. Er hat sein Studium der Geschichte in Regensburg abgebrochen, als er von der Gastro-Universität hörte, und sich gleich um einen Studienplatz beworben. Gut zwei Drittel der Studierenden sind Italiener, der Rest kommt aus der ganzen Welt, und sie sind alle begeistert. Die Internationalität ist Programm, denn sie sollen auch ihre jeweiligen gastronomischen Kulturen mit einbringen - die Bedeutung der regionalen Küche ist wesentlicher Bestandteil des Lehrprogramms an der UNISG.
[2] 19 000 Euro Studiengebühren bezahlt Richard Ebner hier pro Jahr. Aber dafür bekommt er auch viel geboten: Die Universität stellt ihm ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung mit zwei anderen Studenten zur Verfügung, und einen Laptop. Exkursionen und Arbeitspraktika sind in der Gebühr ebenso mit eingeschlossen wie das tägliche Mittagessen im Restaurant des noblen Kongresshotels, das sich ebenfalls auf dem Campus befindet. Allerdings essen die Studierenden wohl kaum im Restaurant Guido, das ebenfalls auf dem Campus zu finden ist und piedmontesische Gerichte serviert, die die traditionelle Küche der Region ins Exklusive heben: das Restaurant hat seit kurzem einen Michelin Stern [c] und ist für seine Fischspezialitäten berühmt.
[3] Patron der Gastro-Universität ist Carlo Petrini, der Gründer und Präsident von 'Slow Food' [d]. Diese ursprünglich als regionale Bewegung gegen die Verbreitung von Fast Food entstandene Bewegung hat nach eigenen Angaben mittlerweile weltweit rund 80 000 Mitglieder. Sie setzen sich ein für nachhaltige Landwirtschaft in Afrika, eine schonende Fischerei auf den Weltmeeren, den Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten und die Bewahrung traditioneller Zubereitungsformen. Nur wenn wir die Artenvielfalt in der Natur und den Variationenreichtum der regionalen Küche bewahren, so lautet die Philosophie von 'Slow Food', erhalten wir auch die Vielfalt auf unserem Teller.
[4] "Früher hatte Gastronomie immer so etwas von Dekadenz, und das einzige Kriterium war, dass es gut schmeckt", sagt Petrini. "Gute Küche, wie wir sie verstehen, muss nicht nur gut schmecken, sie muss auch ökologisch unbedenklich sein, und die Produzenten müssen einen fairen Lohn für ihre Arbeit bekommen." An der UNISG soll Gastronomie daher als eine komplexe, interdisziplinäre Wissenschaft gelehrt werden, die Wirtschaft und Geschichte genau so umfasst wie kulturelle Identität. Deshalb musste Richard Ebner auch zunächst in einem Fragebogen seine Motivation für ein Studium an der Gastro-Universität zeigen. Er wurde da nach seiner Einstellung zu Tieren ebenso gefragt wie danach, was er an seiner Heimat besonders schätzt. Wer einfach nur gerne gut isst oder Kochsendungen im Fernsehen liebt, ist hier fehl am Platz. Kochen lernt man an der Universität für Gastronomische Wissenschaften sowieso nicht. Auch Ebner ist über Slow Food an die Universität gekommen. "Was wir hier machen, ist im Grunde sehr politisch", sagt er. Die Studenten werden in die Vorbereitung von K'ngressen mit einbezogen, die Slow Food organisiert, beispielsweise von dem Produzententreffen 'Terra Madre'[e], das eine Art gastronomisches Weltsozialforum ist.
[5] Der Universitätsgründer Petrini glaubt zwar, dass die Graduierten der UNISG auch anderswo beruflich gute Chancen haben, nämlich in der herkömmlichen Gastronomie und im Tourismus, ohne sich politisch zu engagieren. Die eigentliche Herausforderung an die jungen Wissenschaftler sieht er aber im Dialog zwischen etablierter Wissenschaft und traditionellem Wissen: "Aufgrund der intensiven Landwirtschaft haben in den letzten Jahrzehnten Tausende von Bauern ihren Betrieb aufgegeben", erklärt er, "mit ihnen stirbt das traditionelle Wissen aus." Die moderne Lebensmittelindustrie habe dazu geführt, dass die meisten Menschen sich heute nur noch von einer Hand voll Pflanzen- und Tierarten ernähren. Diesem Trend entgegenzuwirken hat sich die UNISG zum Ziel gesetzt.
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