MML Computer-Assisted Comprehension

Paper Ge B1 2005

Use of German

Annemarie Künzl-Snodgrass

Die Grenzen der Toleranz

[1] Wie viel multikulturelle Toleranz ist gut für eine Gesellschaft?  Der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh [a], von dem sich radikale Muslime in ihrer religiösen Ehre verletzt und verspottet fühlten, hat die Frage wieder aktualisiert, wie man mit Minderheiten umgehen sollte, die unsere Kunstfreiheit und Religionsfreiheit, ganz allgemein die Freiheiten der westlichen Lebensart hassen. Auch die Schwierigkeiten, die man hierzulande hatte, den in Köln lebenden islamistischen Hassprediger Kaplan [b] aus dem Land zu weisen, haben gezeigt, dass sich der liberale demokratische Staat in einer hilflosen Situation gegenüber seinen Feinden befindet.  Damit kein Missverständnis entsteht: Die Schwierigkeiten der Ausweisung ehren den Staat, denn er gibt Rechtsschutz auch denjenigen, die ihn abschaffen wollen: Der Prozess gegen Kaplan dauerte lange, bevor der Prediger schließlich das Land verlassen musste.
           

[2] Darüber darf es keine Illusion geben: Die Islamisten wollen den demokratischen Staat durch einen Staat nach ihren religiösen Vorstellungen ersetzen.  Der islamische Staat kennt die Trennung von Staat und Kirche nicht, die ein Grundprinzip westlich geprägter demokratischer Staaten ist.  Schon klagen manche Juristen, dass beispielsweise in den Prozessen, mit denen muslimische Eltern die Befreiung ihrer Töchter vom Sportunterricht durchsetzen, Elemente der Scharia [c] des islamischen Rechts, durch die Hintertür in unser Rechtssystem aufgenommen werden.

[3] Die Toleranz, mit der wir den Minderheiten teils freudig, teils missvergnügt begegnen, hat offenbar Schwierigkeiten, ihre Grenzen zu finden, und zwar auch dort, wo eigentlich jede Toleranz enden darf: nämlich bei der Intoleranz der anderen.  Wir können den Bau von Moscheen tolerieren, nicht aber, dass in ihnen Hass auf die deutsche Gesellschaft gepredigt wird.  Umgekehrt können Muslime natürlich auch fordern, dass sie keine christlichen Hasstiraden hören müssen.
          

[4] Es geht im Konflikt mit der muslimischen Minderheit eigentlich um den Staat und darum, was der Bürger in ihm tun oder lassen kann.  Von Friedrich dem Großen [d], zu dessen Zeit das Prinzip der religiösen Toleranz in Europa allmählich durchgesetzt wurde, stammt der Satz, die Bürger könnten glauben und denken, was sie wollen, solange sie nur gehorchten.   So, mit Blick auf den unbedingten Gehorsam des Bürgers, würde man das heute nicht formulieren.  Im Kern bildet der Satz aber noch immer die Grundlage des liberalen, weltanschaulich neutralen Staates.  Die Bürger können glauben, denken, reden und ihr Leben gestalten, wie sie wollen, solange sie sich an die Regeln des Staates halten.  Zu diesen gehört, dass Toleranz  gegenseitig sein muss.  Sie bedeutet nicht nur das Akzeptieren einer abweichenden Lebensweise, sondern auch Anpassung der eigenen Lebensweise an die Regeln des Staates.
           

[5] Das klingt nach einer leicht zu erfüllenden Einschränkung.  Tatsächlich ist sie aber für islamische Fundamentalisten, deren Religion das öffentliche Leben mit einschließt, nicht leicht zu erfüllen.  Sie ist auch für die deutsche Mehrheitsgesellschaft kaum zu erfüllen, wenn der Verzicht auf Beleidigung der Muslime beispielsweise den getrennten Unterricht von Jungen und Mädchen bedeuten müsste, eine in Deutschland schon seit langem nicht mehr übliche Praxis.

[6] Das ist der Konflikt: Die westlichen Gesellschaften sind zwar in hohem Maße bereit, die abweichende Lebensführung der islamischen Minderheiten zu dulden; bis hin zu Dingen, die sie schon nicht mehr akzeptieren sollten, zum Beispiel die Entrechtung der Frau.  Nicht aber ist unsere Gesellschaft bereit, auf die eigene Rede- und Kunstfreiheit zu verzichten, und zwar auch dort nicht, wo Muslime sie nicht ertragen wollen.  Eine solche Beschränkung ist für unsere Gesellschaft auch gar nicht denkbar, weil sie in den Kern unserer Freiheiten eingreifen würde, die die Basis der modernen, aufklärerischen [e] Begründung der Toleranz sind.  Der liberale demokratische Staat bevorzugt weder Christen noch Muslime, noch kämpferische Atheisten.  Er verhindert nur, dass eine Religion der Gesellschaft ihren Willen aufzwingt.  Er schützt die Minderheiten voreinander und alle zusammen vor der Mehrheit; folglich muss er auch die Mehrheit vor einer tyrannischen Minderheit schützen können.

JENS JESSEN

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