MML Computer-Assisted Exam Revision
ab initio German
Paper GeA 1(Section B) 2004: Introduction to the German Language 1
Comprehension of German: Translation of sentences
Annemarie Künzl-Snodgrass
Die deutsche Sprache heute
"Hast du Problem oder was?" Diese Wendung entstammt einer Kunstsprache von Jugendlichen, die das Deutsch türkischer Hauptschüler imitiert. Sie ist inzwischen in Spielfilme und in die Werbung eingegangen Man kann sie etwa so übersetzen: "Ist etwas nicht in Ordnung? Fehlt dir etwas?" Diese Kunstsprache heißt Kanak Sprak. Sprak heißt Sprache [1], falsch ausgesprochen, und Kanake ist ein böses Schimpfwort für Leute, die ausländisch aussehen und gebrochen Deutsch [2] sprechen. Indem diese Jugendlichen ein Schimpfwort verwenden, um ihre Sprechweise zu bezeichnen, nehmen sie ihm seine abwertende Bedeutung und machen daraus etwas Positives: "Hört her, unsere Sprechweise ist etwas Besonderes, sie ist knapp, rhythmisch, rappend, wir finden sie schön, und die Erwachsenen können sie nicht: Voll krass, ey?" (was so viel heißt wie: wirklich in Ordnung, sehr schön). Wer Deutsch lernen will, lernt aber in der Regel Hochdeutsch und keinen Jugendjargon.
Wenn jemand, der ordentliches Deutsch gelernt hat, zum ersten Mal nach Deutschland reist, bekommt er trotzdem oft einen Schrecken: Im Alltag sprechen [3] die Deutschen ja ganz anders, als ich gelernt habe! Sie sprechen viel schneller als wir im Klassenzimmer, sie lassen viele Endungen weg, sie verschlucken ganze Silben, man versteht sie kaum! Fast nur in den Fernsehnachrichten und im Theater wird "richtiges" Deutsch gesprochen. Jede Region hat ihren besonderen Tonfall, und Ausländer verstehen in der Regel die fast reines Hochdeutsch sprechenden Leute in Hannover besser als die Bewohner von Dresden, München oder Köln.
Außerdem ist die Art und Weise, wie die Leute sich ausdrücken, von weiteren Faktoren abhängig: Warenhausverkäuferinnen und Bauarbeiter sprechen anders als Gymnasiallehrer und Chefsekretärinnen, Leute vom Land anders als Stadtbewohner. Und jeder Einzelne von ihnen passt sich unterschiedlichen Situationen auch sprachlich an: In der Familie geht es lockerer zu als auf dem Amt oder beim Elternabend. Noch bunter wird das Bild, wenn man Berufs-und Sondersprachen berücksichtigt. Man kann sie beispielsweise hören, wenn Ärzte sich über Patienten, Lehrer über Schüler oder Verkäuferinnen über schwierige Kunden unterhalten. Und natürlich sprechen die Jungen etwas anders als die Älteren, wenn sie auch nicht immer so extreme Formen wie die Kanak Sprak verwenden.
Deutsch ist seit 1200 Jahren bezeugt, besitzt seit 200 Jahren einen hochsprachlichen Standard und ist beständig in Bewegung. Das sollen einige Beispiele verdeutlichen. Es gibt Mode-Adjektive [4], mit denen man besonders gute Dinge und hohe Zufriedenheit bezeichnet. Um 1900 verwandte man dafür Wörter wie 'famos', 'kolossal' oder 'allerliebst', die heute völlig veraltet sind. Wer vor 40 Jahren aufgewachsen ist, sagt heute noch manchmal 'knorke' oder 'dufte', was die Jungen komisch finden. Die sagen 'spitze', 'irre', 'super', 'geil' oder eben: 'voll krass, ey!', wenn sie etwas 'cool' finden.
Eine übergroße Rolle spielen momentan Entlehnungen aus dem Englischen und Bildungen, die es im Englischen gar nicht gibt, wie zum Beispiel 'Handy' oder 'Wellness'. Englisch-Amerikanisches gilt vielen als progressiv und innovativ, und das hinterlässt auch in der Sprache Spuren. Entsprechend heftig sind die Kontroversen über diese Tendenzen, die aber wiederum typisch dafür sind, dass das Deutsche lebt, sich verändert, Neues aufnimmt und Altes hinter sich lässt, vor allem im Wortschatz. Manche Veränderungen [5] sind problematisch, wie eben die Inflation englischer Vokabeln in bestimmten Bereichen oder die Rechtschreibreform. Die Diskussion darüber wird in den deutschen Medien seit einigen Jahren heftig geführt.
Aber es gibt auch Bemühungen, guten Sprachgebrauch und vorbildlichen Stil zu fördern. Dafür werden Preise vergeben, der Deutsche Sprachpreis etwa, der 2003 an die Kolumne "Das Streiflicht" ging, oder der Jakob-Grimm-Preis, der dem Gelehrten Christan Meier verliehen wurde. Es gibt nicht nur schlimme, sondern auch erfreuliche Nachrichten von der deutschen Sprache. Voll krass, ey!
HELMUT GLÜCK